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Greenviews in June 2007


Finnischer Staat kolonisiert Saamiland: Illegale Abholzungen und Menschenrechtsverletzungen bei den Samenvölkern



Finnlands Gesetze (”Finland’s Reindeer Husbandry Act“) verbieten Forstoperationen, die „substantiellen Schaden“ in rentierhaltenden Regionen verursachen. Obwohl ein extensiver Holzeinschlag in diesen Gegenden in der gesamten Nachkriegsära die Regel war, wurden zu keiner Zeit Untersuchungen über die praktische Bedeutung des Begriffes „substantieller Schaden“ durchgeführt.
In verschiedenen Studien wurde nachgewiesen, dass Holzeinschlag einen deutlich negativen Einfluss auf den Zustand von Winterrentierweiden hat. Die Flechtenbestände, die die Rentiere im Winter abweiden, benötigen fast ein Jahrhundert, um sich nach einem Kahlschlag zu erholen. Das Vorhandensein von Flechten im späten Winter ist entscheidend für die Freilandhaltung von Rentieren, wie es von den indigenen Samenvölkern praktiziert wird. Freilandhaltung von Rentieren hingegen ist ein fundamentales und international anerkanntes Element der Sami-Kultur und Identität.

Die kulturellen Rechte der Samen als indigene Völker sind durch die finnische Verfassung anerkannt worden. Finnland hat die UN-Konvention für zivile und politische Rechte unterzeichnet, die jedes Land verpflichtet, Minoritäten das Rechte auf Ausübung ihrer eigenen Kultur zuzugestehen.
Man mag sich nun fragen, ob kontinuierlicher Holzeinschlag in den Gebieten der Samen die finnische Verfassung und die internationalen finnischen Menschenrechtserklärungen verletzt.

Im November 2005 sandten Sami-Rentierhirte Kalevi Paadar und seine zwei Brüder eine Beschwerde an das UN-Menschenrechtskomitee, in welchem er eine Beendigung der Entwaldungsoperationen in den Rentierwäldern der Samen verlangte. Das Menschenrechtskomitee seinerseits bezog sich in seiner Antwort besonders auf den Aspekt, dass die Entwaldungsoperationen die Kläger von einer Fortführung ihres bisherigen Lebensweise und der Ausübung ihrer Kultur abhalten würden.
Die finnische Öffentlichkeitsdebatte ließ diese dramatische Intervention durch die UN-Agentur jedoch größtenteils unbeachtet. In derselben Weise wurde auch die Aufmerksamkeit von der bislang noch immer ungelösten Landrechtsfrage der Samen abgelenkt, für die der UN-Menschenrechtsreport von 2003 eingetreten war. Somit wurde jegliche Form, diesbezüglich eine Lösung zu finden, verhindert.

Kontinuierlicher Holzeinschlag in den umstrittenen Waldgebieten kann als eine ähnliche Handlungsweise angesehen werden. Die ungelöste Landrechtsfrage ist auch ein Grund, warum Finnland nicht die ILO-Konvention von 1989 unterzeichnen konnte, die die Rechte der indigenen Völker anerkennt. Wenn die Landrechtsfrage schließlich gelöst wird, besteht eine echte Gefahr, dass sich herausstellen wird, dass Finnlands Regierung sich an ungesetzlichen Holzeinschlagsaktivitäten auf Landflächen betätigt hat, die ihr nicht gehören.
In Bezug auf nachhaltige Nutzung natürlicher Resourcen, mögen wir uns auch Fragen, ob es irgendeine Rechtfertigung geben kann für das Fällen jahrhundertealter Nadelbäume, lediglich um Zellulosepulpe herzustellen oder Eisenbahnschwellen.  

Die finnische Regierung ist in Entwaldungsoperationen in Sami-Regionen nicht nur als Holzfäller und – verkäufer, sondern auch als ein Konsument von Nutzholz beteiligt.

Das meiste Holz, das zwischen 100 und 300 Jahre alt ist, wird in den Pulpe- und Zellulosemühlen von Stora Enso verarbeitet. Die finnische Regierung besitzt 40% dieser gigantischen Pulpe- und Papierkorporationen.  Neunzig Prozent des gesägten Nutzholzes aus dem Gebiet gehen zur Peuravuono Sägemühle der Vapo Korporation. Die finnische Regierung ist auch der größte Teilhaber dieser Gesellschaft.
Die finnische Regierung hat sich bislang beständig geweigert, den Samenvölkern autonome Landrechte in Nordlappland zuzugestehen, hat  deren Rechte marginalisiert und als eine lokale Angelegenheit abgetan. Dies resultierte in einer größeren internen Krise für die lokale Bevölkerung. Opponenten des Holzeinschlags, wie  Sami-Rentierhirten und Naturschutzaktivisten, wurden beträchtlichen Schikanen ausgesetzt. Insbesondere Greenpeace -Aktivisten und ihre Verbündeten mussten sogar körperliche Bedrohungen und Einschüchterungen hinnehmen bis hin zu Körperverletzungen. Es war daher überaus verblüffend, den Leiter der finnischen Polizeibehörde Sepp Nevala im Lappland Radio im Frühling 2006 zu hören, der seine äußerste Sorge darüber ausdrückte, dass es „die Bereitschaft von Greenpeace“ sei, „sich an ungesetzlichen Aktivitäten zu engagieren und dass er die „gewalttägigen Operationsmethoden“ der Organisation kritisiere.

Während die Situation in Nordlappland zweifelsohne explosiv ist, wird sie nicht verbessert werden, indem NGOs dafür kritisiert werden, dass sie auf diese Probleme aufmerksam machen. Die Aufmerksamkeit sollte hingegen auf die Frage gelenkt werden, ob die stattfindenden Holzeinschlagaktivitäten in Lappland gesetzlich sind. Es sollten keine solche Operationen mehr  stattfinden, bis diese grundsätzlichen Fragen gelöst sind.

Wenn dem Holzeinschlag ein Ende gesetzt würde, wäre es die Verpflichtung der Regierung, kontinuierliche Beschäftigungen für einige hundert Arbeiter in der Forstindustrie zu suchen. Hierfür gibt es vernünftige Alternativen, wie zum Beispiel in der Pflege von neu angelegten Baumschulen und in der Entwicklung von neuen Waldnutzungsformen.

Und wenn Forstwirtschaft in einer signifikanten Größenordnung weiter bestehen soll, muss eine angemessene industrielle Nutzung entwickelt werden, die dem Wert und dem langsamen Wachstum von Lapplands Baumbeständen angemessen ist. Das würde nicht nur die Zukunftsaussichten der Rentierhaltung, der Samen-Kultur und von Forst- und Wildnis-Tourismus fördern, sondern auch Finnlands Reputation als einen verantwortlicher Global Player auf der internationalen Bühne stärken.  

Über Hannu Hyvönen und Mikko Vartiainen:

Hannu Hyvönen ist Dokumentarfilmer und hat einen Videoreport für die Vereinten Nationen über die Lage von Entwaldungsaktivitäten in den von den Samenvölkern genutzten Wäldern Nord-Lapplands.  

Mikko Vartiainen ist Anwalt, spezialisiert auf internationales Umweltrecht.